Mittwoch, 14. Oktober 2015

Der konformistische Hund

Hunde sind heutzutage ja nicht mehr, was sie früher mal waren: Bewacher. Jagdhelfer. Aufpasser. Schäferbegleitung. Laut. Rebellisch. Angsteinflößend.

Hunde sind Mode. Und ebenso wie Kinder stehen sie ständig und überall im Mittelpunkt. Ihre Erziehung, ihre Ernährung, ihre physische und psychische Auslastung.

Hunde dürfen nicht auffallen. Sie müssen still sein. Man darf nur leise mit ihnen kommunizieren. Wehe, man findet die Erziehungsmethoden von Cesar Millan gut. Sie müssen Menschen und Kinder lieben. Dürfen bei entgegenkommenden Hunden höchstens still freudig mit dem Schwanz wedeln. Sie müssen ökologisch ernährt werden - am besten mit BARF aus dem benachbarten Bioland-Hof. Sie müssen mindestens eine Begleithundeprüfung haben und bei mindestens zwei verschiedenen Hundesportarten wie Agility oder Dogdancing mitmachen. Es muss, wenn schon denn schon, ein Hund aus dem Tierheim sein oder aus dem Auslandstierschutz, in manchen Fällen werden auch Welpen von guten (!) Züchtern akzeptiert. Hundehalter dürfen ebenso wenig auffallen, wie ihre vierbeinigen Begleiter. Häufchen sollten noch in dem Moment entfernt werden, wenn sie gesetzt werden. Die Hunde müssen mal mindestens 3 Stunden physisch und am besten noch 30min psychisch ausgelastet werden. Der Hund braucht mindestens einen Blog. Zudem sollte der Hund regelmäßig ausgewählten Hundekontakt haben, um ein soziales Verhalten im Rudel zu etablieren und zu halten. Für die Fellpflege sollten 3 verschiedene Bürsten vorhanden sein. Zusatzpräparate für die Gesundheit des Hundes sind ständig in einem geeigneten Vorrat zuhause zu bunkern. Wenn Besuch kommt, müssen Hunde diesen stillschweigend-freundlich willkommen heißen. Es wird nicht am Tisch gebettelt. Stöckchen sind tabu, weil man mit diesen horrormäßige Verletzungen hervorrufen kann.


Wie oft habe ich mir gewünscht, so einen Hund zu haben.
Wie oft habe ich mir gewünscht, einen menschenliebenden, hundeliebenden, kinderliebenden, pflegeleichten, nicht-haarenden, gesunden, fitten, agilen Golden Retriever zu besitzen.
Wie oft habe ich mir Rat in Foren geholt, weil ich dachte, ich reiche nicht, ich bin nicht gut genug für meinen Hund.
Wie oft habe ich überlegt, wo ich nun wieder überall angeeckt bin.
Wie oft habe ich überlegt, wie viele Menschen nun in psychologischer Behandlung sind, weil mein Hund sie angebellt hat.
Wie oft habe ich mir gewünscht, meinen Hund überall mit hinzunehmen.
Wie oft habe ich mir gewünscht, bei Hundesportarten mitzumachen und dort Preise abzuräumen.
Wie oft habe ich anderen Hundehaltern neidisch hinterhergeschaut, wenn ihre beiden prämierten Collies brav und ruhig beifuß ohne Leine neben dem Rad hertrabten, ohne meinen kläffenden Hund zu beachten.
Wie oft habe ich mir gewünscht, dass mein Hund bei Hundebegegnungen ganz entspannt und ruhig bleibt.
Wie oft habe ich mir gewünscht, dass mein Hund nicht bei jedem scheppernden Geräusch anfängt, wie eine Irre zu ziehen und Angst zu bekommen.
Wie oft habe ich mir gewünscht, mich einfach mal mit wildfremden anderen Hundehaltern zum gemeinschaftlichen Gassi zu verabreden.
Wie oft habe ich mir gewünscht, dass mein Hund mir nicht jeden Bissen bis in den Magen nachschaut.

Anka ist jetzt 1,5 Jahre bei uns. Mit jedem Tag wächst unser Vertrauen ineinander, mit jeden Tag liebe ich sie mehr.

Und mit jedem Tag gehen mir die oben beschriebenen Verhaltensregeln moderner Hunde mehr auf die Nerven.

Anka hat mehr als einige Ecken und Kanten. Sie ist hibbelig, aufgedreht und schrill. Wenn sie vor Aufregung bellt, denkt man, ich steche sie gerade ab. Anka findet nach wie vor Menschen eher blöd, andere Hunde ziemlich blöd und ab und zu auch noch Radfahrer, Jogger oder Autos doof. Anka hat nur einen richtig guten Hundekumpel. Wir gehen auf verlassenen Strecken Gassi, damit wir niemandem begegnen, Nach wie vor bellt sie ab und an Menschen an, die ihr gruselig erscheinen. Sie bellt sogar aus dem Auto raus andere Hunde an. An eine Begleithundeprüfung ist nicht zu denken, weil sie auf einem Hundeplatz viel zu hibbelig und gestresst ist. In Hundegruppen fügt sie sich zwar an, ab und an lässt sie aber die Domina raushängen. Anka liebt Fressen so sehr, dass die einzige Zeit, wo sie sich mehr als 30 sek konzentrieren kann die Abendbrotszeit ist, wo sie 30min bettelnd neben mir sitzt.

Und ich finde es süß. Ich liebe sie dafür. Ich finde es großartig, dass sie mich beschützt und gruselige Menschen anbellt. Ich finde es okay, dass ich nicht bei Wind und Wetter auf einen Hundeplatz stehen muss, um eine Medaille nach der anderen abzuräumen. Ich finde es schön, wenn Anka mit im Bett schläft und ich finde es niedlich, wenn sie in einem Ferienhaus pienst, weil sie nicht alleine bleiben möchte.
Ich finde es toll, dass ich einen Hund habe, der Menschenmengen genauso hasst wie ich und den Wald und Bewegung genauso liebt wie ich. Ich finde es toll, einen verfressenen Hund zu haben, der ebenso wie ich nicht nein zu Leckerlies sagt.


Jeder bekommt den Hund, den er verdient. Ich bin an meinem Hund gewachsen. Es hat lange gedauert, sie so zu akzeptieren, wie sie ist, und nach wie vor ist es viel Arbeit und Training mit ihr. Wir arbeiten zwar an einigen Dingen nach wie vor, aber ich habe nicht mehr den Wunsch, Ankas Charakter um 180 Grad zu drehen. Sie ist besonders, sie ist glücklich bei und und sie ist so viel ruhiger und entspannter, seitdem wir es auch sind.

Anka ist mein Seelenhund - und um nichts in der Welt würde ich sie hergeben oder gegen einen freudig-schwanzwedelnden Golden Retriever tauschen. 

Kommentare:

  1. Haha, eine klasse Beschreibung. Beim Anbellen von Hunden und einigen, gruseligen Menschen habe ich jemanden wiedererkannt, dessen Namen ich hier grad nicht nennen soll :-) Nur ein Hund mit Macken ist auch ein guter Hund, sonst ist er doch total langweilig, oder? Eure Einstellung finde ich daher super!

    Liebe Grüße

    Britta & Chris

    AntwortenLöschen
  2. Ohje, bei der Beschreibung fallen wir ja vollkommen aus dem Rahmen. Na wenigstens haben wir einen Blog. Das scheint aber auch fast das einzigste zu sein. Da sind wir aber froh das Anka auch Hund sein darf, so wie Emma und Lotte.
    Liebe Grüße vom Emma und Lotte Frauchen

    AntwortenLöschen
  3. Ich kann zu der Einstellung nur gratulieren ... denn auch ich habe gelernt, jeden meiner Hunde (in gewissen Grenzen) so zu akzeptieren, wie er ist! Wichtig ist doch nur, dass Du mit den Macken Deines Hundes leben kannst - so wie ich mit den Macken meiner Hunde. Es lebt sich viel entspannter so und das tut auch der Beziehung Mensch-Hund gut.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Damon und Cara

    AntwortenLöschen